Ist Integrität erfolgsrelevant?

01. März 2017 von Claude R. Schmutz

„Wünschen Sie sich, dass die Menschen in Ihrem Umfeld Sie als integre Person beurteilen?“ Ausnahmslos haben alle bisher von mir gefragten Führungskräfte auf meine Frage mit „Ja“ geantwortet.

Der Begriff Integrität – ein „Geheimnis“!

Im Gespräch wird dann deutlich, dass der Begriff Integrität nicht so leicht zu ergründen ist. Die bekannteste Definition lautet „Übereinstimmung von Denken, Reden, Handeln“. Da mit dieser Definition die dahinterstehenden Werte außer Acht gelassen werden – und damit zum Beispiel auch ein Mafia- oder IS-Mitglied ein ausgesprochen integrer Mensch sein könnte – trifft diese Definition nicht den Kern.

Die Wahrheit von Integrität liegt tiefer, sie hat fast etwas Geheimnisvolles und ist schwierig zu formulieren. Interessant ist deshalb, dass die Mehrheit der Menschen offensichtlich trotzdem den starken Wunsch hat, als integre Person angesehen zu werden – im Wissen, dass man diesem Begriff kaum entspricht.

Der stärkste Wunsch der Führungskraft – und seine Kosten

Dem Wunsch, ein integrer Mensch zu sein, steht ein anderes starkes Verlangen gegenüber: Anerkennung. Die stärkste Erfüllung dieses Wunsches ist Erfolg. Der Druck zum Erfolg lässt uns Führungskräfte zum Gratwanderer werden – konfrontiert mit der Gefahr des schleichenden Abgleitens in die graue oder sogar rote Zone der Illegalität.

Aber auch mit der Gefahr des Abdriftens in die Einseitigkeit eines Lebens, das objektiv gesehen immer weniger lebenswert wird: defekte bzw. zerstörte Beziehungen; fehlende Balance; psychische und körperliche Schäden; Fremdsteuerung; verlorene Souveränität über das eigene Leben. Der ungeheure Drang, im Beruf erfolgreich sein zu wollen – ja zu müssen –, wird oft zu einem alle anderen Lebensbereiche erstickenden Monster. Offensichtlich sind schlimme psychische Abstürze von Geschäftsleuten wie Burnout oder Depression oft nicht die Folge von harter Arbeit, sondern von einem unausgewogenen Leben. 

Ganzheitlichkeit – der wirkliche Erfolgsfaktor

Hat Integrität etwas mit Erfolg zu tun? Im Lexikon wird Integrität  mit Vollkommenheit, Ganzheitlichkeit und Unversehrtheit umschrieben. Das heißt: ein integres Leben definiert sich auch, aber nicht primär durch Werte, sondern vielmehr durch die Qualität seiner Ganzheitlichkeit. Jesus Christus spricht in der Bibel vom „überfließenden Leben“ – und meint damit ein Leben, das uns Freude und wirklichen Sinn gibt; das uns gesunde Beziehungen ermöglicht und das unseren Mitmenschen dient. Ein Leben, das uns auch nach Beendigung der beruflichen Tätigkeit noch viel Sinn und Erfüllung liefert. Beruflicher Erfolg kann Teil eines erfolgreichen Lebens sein. Aber beruflicher Erfolg alleine ist nicht Lebenserfolg!

Blindflug – oder ein Leben mit offenen Augen?

Es geht um das Cockpit unseres Lebens. Haben wir alle unsere Instrumente im Auge? Im Alltag sind offene Augen wesentlich, um Gefahren auf der Straße zu erkennen. Offene Augen für die Instrumente unseres Lebenscockpits sind wesentlich, um die Gefahren eines eindimensionalen Lebens zu erkennen.

Titelfoto: Collage KcF
Werte, Integrität
Claude R. Schmutz

Claude R. Schmutz (geboren 1946 in Bern) war international in hochrangigen Managementpositionen der Pharmabranche tätig. Aufgrund seiner langjährigen Erfahrung in internationalen Führungspositionen ist Claude Schmutz ein profunder Kenner der Wirtschaftswelt und deren Arbeitsumfeld. Er ist Gründer und Präsident der Leaders’ Integrity Foundation, Berater von Führungskräften, Mentor und Referent. Er lebt mit seiner Frau Marianne in Muttenz/Schweiz und hat zwei erwachsene Töchter.

Persönliche Erfahrungen im beruflichen wie privaten Umfeld führten zum Wunsch, sich aktiv für Integrität im Management einzusetzen. Der erfolgreiche und integre Umgang von Menschen in Verantwortung im Spannungsfeld Beruf und Familie ist Claude Schmutz ein großes Anliegen.