Führen mit Werten – wie geht das?

15. März 2017 von Karsten Huhn

Die drei Geschäftsführer des Softwareunternehmens easySoft führen ihr Unternehmen nach christlichen Werten. Davon profitieren Mitarbeiter und Kunden sowie zahlreiche missionarische und diakonische Projekte. Auf dem Kongress christlicher Führungskräfte wurden sie dafür mit dem „Preis für christliche Führungskräfte“ ausgezeichnet.

Dass diese Firma anders tickt als viele andere Unternehmen wird gleich am Eingang klar: In der easySoft-Zentrale in einem Gewerbegebiet im schwäbischen Metzingen wartet eine 16 Meter hohe Kletterwand darauf, von den Mitarbeitern bestiegen zu werden. Es gibt einen gut ausgestatteten Sportraum mit Tischtennisplatte, Laufband und Kraftsportstation. Wer will, kann hier täglich trainieren oder einmal in der Woche an einem gemeinsamen Fitnesstraining teilnehmen. In einem Flur steht ein Regal mit Laufschuhen. Es ist Mittagszeit, und in diesem Moment kehren zwei Mitarbeiter von ihrer Joggingrunde auf den umliegenden Wanderwegen zurück. 

Wird hier eigentlich auch gearbeitet? 

easySoft beschäftigt 60 Mitarbeiter und macht mit seiner Software für Bildungsmanagement und Personalentwicklung einen Jahresumsatz von 4,5 Millionen Euro. Zu den Kunden zählen etwa Kliniken, Automobilzulieferer und Handelsketten. Alles glitzert. Der Neubau wurde erst vor einem halben Jahr bezogen. In der Eingangshalle hängen Porträts von Mitarbeitern, die länger als fünf oder länger als zehn Jahre dem Unternehmen angehören. Der 2.000 Quadratmeter große Firmensitz ist offen gestaltet, es gibt mehrere Schaukeln, einen Tischkicker und ein Band, auf dem man seinen Gleichgewichtssinn schulen kann. An den Wänden hängen im Großformat professionell gemachte Urlaubsbilder. Darauf abgebildet sind Mitarbeiter des Unternehmens, die angeln, segeln oder Rad fahren. Es gibt eine riesige Dachterrasse, auf die problemlos die ganze Belegschaft passt, gemütliche Sitzecken und Duschräume – und man fragt sich: Wird hier eigentlich auch gearbeitet? „Wir mögen die Großzügigkeit“, sagt Andreas Nau (51). „Es geht nicht darum, die Arbeitszeit abzusitzen, sondern besser zu gestalten. Dazu gehören auch Sport und der Austausch mit Kollegen. Wir wollen Arbeit und Leben nicht trennen, sondern verbinden.“ Nau ist einer von drei Geschäftsführern von easySoft. Er wog mal 110 Kilo, sein Sakko spannte, und seine Frau sagte ihm, dass er was tun müsse. Nau begann mit dem Lauftraining – und hört nicht wieder auf. Inzwischen hat er an mehreren Marathons teilgenommen und ist 30 Kilo leichter. 

Zum Gebet geht’s in die Hängematte 

Nau hat Pädagogik studiert und ist Vater von vier Kindern. Die Firma leitet er gemeinsam mit dem Ingenieur Wilfried Hahn (50), Vater von drei Kindern, und Friedhelm Seiler (42), Vater von fünf Kindern. Allen drei gemeinsam ist der christliche Glaube. Sie machen daraus kein Betriebsgeheimnis. Auf der Internetseite von easySoft heißt es: „Wir sind ein nach christlichen Werten geführtes Unternehmen“. So weiß jeder Kunde gleich, was ihn erwartet. „Wir drei sind Christen, die sich für Gottes Missionsauftrag einsetzen. Dafür nutzen wir das Unternehmen“, sagt Seiler. Nau gehört der ICF-Gemeinde Reutlingen an, Hahn ist Altpietist und Seiler Mitglied im Gospelforum Stuttgart. In der Firmenzentrale in Metzingen haben sie einen „Raum Bergruhe“ eingerichtet, einen Ruheraum mit Hängematte. Wer möchte, kann hier den Arbeitstag um 7.45 Uhr mit Bibellesung und Gebet beginnen. 

Was bedeutet es, eine Firma nach christlichen Werten zu leiten? „Mit seinen Pfunden wuchern und Bestleistung geben“, sagt Nau. „Ehrlichkeit und Verlässlichkeit“, sagt Hahn. „Manchmal lieber ein Geschäft lassen, wenn man merkt, der Kunde passt nicht zu uns“, sagt Seiler. Er sieht in dem christlichen Bekenntnis der Firma sogar einen Wettbewerbsvorteil: „Die meisten Unternehmer wissen unsere Offenheit zu schätzen. Wie ein Christ sich verhält, ist ja bekannt. Das schafft gleich ein ganz anderes Vertrauensverhältnis.“ 

Wie die Gewinne verwendet werden 

easySoft unterstützt so viele Projekte, dass man schnell den Überblick verliert: Es finanziert eine Schule in Angola mit 260 Kindern, den Bau von Brunnen in Kenia, die Missionsgesellschaft „Mission am Nil“, die in Ägypten, Äthiopien und Eritrea tätig ist, eine Kinderkrippe für sozial Schwache in Reutlingen – und leistet sich sogar einen Flüchtlingsbeauftragten. Er arbeitet nicht in der Software-Firma, sondern unterstützt geflüchtete Familien und junge Männer in Reutlingen. „Wir geben nicht aus dem Plus am Jahresende“, sagt Seiler. „Die Ideen für Spendenprojekte entstehen bereits während des Jahres, wenn der Umsatz dafür noch nicht da ist.“ 

Dass ihre Finanzstrategie eher ungewöhnlich ist, ist den drei Geschäftsführern bewusst. In der Gewinnverwendung sind sie sich dennoch einig. „Rein betriebswirtschaftlich ist es nicht sinnvoll zu spenden. Aber wir sind davon überzeugt, dass auf dem Geben ein Segen liegt“, sagt Nau. „Wenn Geld nicht fließt, fängt es an zu stinken“, sagt Hahn. „Uns geht es gut, weil wir das Geld weggeben“, sagt Seiler.

Werte, Führung, Vorbilder, Unternehmertum
Karsten Huhn

Karsten Huhn, verheiratet, fünf Kinder, ist seit 2008 Hauptstadtkorrespondent der Evangelischen Nachrichtenagentur idea. Zuvor studierte er Betriebswirtschaftslehre in Berlin, Theologie in Gießen und absolvierte die Henri-Nannen-Journalistenschule in Hamburg.