Ehrlich "wert" am längsten?
Von Dinesh Bauer | vom 05.09.2008
Ehrlich währt am längsten? In Zeiten von Zumwinkel & Co. gerät dieses Sprichwort zur Farce. Heute lautet die Devise: Der Ehrliche ist der Dumme! Und - nur die Dummen zahlen Steuern! Gerade am Beispiel der Aushöhlung von klassischen Leitbildern wie die des "ehrlichen Maklers" oder des "ehrlichen Kaufmanns" wird der Werteverfall in der postmodernen Gesellschaft besonders deutlich. Der Skandal um Hunderte von wohlhabenden deutschen Steuersündern, deren Namen auf einer von einem BND-Informanten an die Steuerbehörden verkauften DVD auftauchten, lässt einen in tiefe Abgründe blicken. Unternehmer wollen scheinbar nur eines: den Gewinn, den Umsatz oder die Rentabilität maximieren. Und die zynischen Spielregeln der Bosse besagen: 95 Prozent der Menschen sind bestechlich - bei den anderen 5 Prozent kommt es auf den Preis an. Wie schlecht ist es also um den Wert „Ehrlichkeit“ bestellt?
Haben wir verlernt, was es heißt "ehrlich zu sein"? Steuern hinterziehen, Schwarzgeld auf schwarze Konten zu schleusen, den Geschäftspartner übers Ohr zu hauen: diese "Geschäftspraktiken" scheinen salonfähig geworden zu sein – und gelten weithin als "Kavaliersdelikt". Das Lügen und Leugnen, das Tricksen und Manipulieren ist indes kein Phänomen der Jetztzeit – es ist so alt wie die Menschheit. Doch was früher in verschwiegenen Hinterzimmern geräuschlos "erledigt" wurde, geht heute in aller Öffentlichkeit über die Bühne. Wer seine Versicherung betrügt oder ein neues Steuerschlupfloch entdeckt, gilt als gerissen, als hinterfotzig, als besonders "geschäftstüchtig". Wenn wir eine andere gerechtere, "wertvollere" Welt wollen - müssen wir umdenken, muss Wahrheit wieder mehr als eine Worthülse werden.
Ist die Zeit reif für ein solch tiefgreifendes Umdenken? Ehrlichkeit rangiert jedenfalls ganz oben auf der persönlichen Werteskala - so das überraschende Ergebnis einer aktuellen Emnid-Umfrage im Auftrag der Hamburger Stiftung "Wert(e)volle Zukunft". Mehr als die Hälfte, nämlich 55% der Befragten nannten den Wert Ehrlichkeit an erster Stelle. Mit weitem Abstand folgten Werte wie die "Verantwortung für das eigene Handeln" oder das "Pflichtbewusstsein". Die Untersuchung zeigte aber auch, dass die Bürger ein gestörtes Verhältnis der Gesellschaft zu ihren "Werte-Ordnungen" bemängeln, eine tiefe Vertrauenskrise in die politischen Institutionen und gesellschaftlichen Eliten konstatieren: rund 50 Prozent der Befragten schenken der Bundesregierung oder großen Wirtschaftsunternehmen "kein bis überhaupt kein Vertrauen".
Stellt sich die provokante Frage, ob Ehrlichkeit deswegen hierzulande so hoch im Kurs steht, weil Sie die Ausnahme, den höchst unwahrscheinlichen Idealfall darstellt? Die Realität im real existierenden Kapitalismus sieht jedenfalls zumeist anders aus. In unserer doppelbödigen, scheinheiligen Welt erscheinen "ehrliche Menschen" fast schon als Anachronismus. Wer "ehrlich ist" wird abgestraft, das Schlitzohr macht Profit! Es gehört zwar immer noch zum guten Ton, zum bürgerlichen Ehrenkodex, ehrlich zu erscheinen, aber das Gebot der Vernunft, das Diktat des Erfolgs gebietet es mit der Aufrichtigkeit nicht zu genau zu nehmen: 990 Gramm sind schließlich auch fast ein Kilo – und was macht es schon, wenn ein paar Euro mehr auf der Rechnung stehen. Oder wie es Kurt Tucholsky so treffend pointierte: "Er ist so dumm, wie er ehrlich ist – und er ist sehr ehrlich."
Spruchreif:
"Süß schmeckt dem Menschen das Brot der Lüge, hernach aber füllt sich sein Mund mit Kieseln." (Sprüche)
"Ehrlich sein, einsam sein!" (Max Frisch)
"Aufrichtig sein und ehrlich, bringt Gefahr." (William Shakespeare)
"Jede kleine Ehrlichkeit ist besser als eine große Lüge." (Leonardo da Vinci)
"Ein Mensch sollte lieber gleich hungern, als seine Unschuld beim Broterwerb verlieren." (Henry David Thoreau)
Hans Leyendecker
Die große Gier
ISBN: 9783871345944
Seiten:
Verlag: Rowohlt Berlin
Preis: 19,90
Noch nie wurde in der Bundesrepublik derart gemauschelt und betrogen wie im Zeitalter der Globalisierung: Weltkonzerne wie VW, Siemens oder EADS setzen wegen kurzfristiger Gewinne ihren Ruf aufs Spiel. Die Habsucht und Hybris der Manager scheinen grenzenlos zu sein. Aber im Zeitalter der Globalisierung gilt auch: Auf lange Sicht bleibt dabei nicht nur die Moral auf der Strecke, sondern das, was die Wirtschaft im Innersten antreibt - der Profit. Bei unlauterem Geschäftsgebaren droht der Verlust ganzer Märkte. Deutschland, so zeigt Hans Leyendecker mit seinem atemberaubenden Material, braucht eine neue Ethik, damit die Wirtschaft nicht abstürzt.