Geduld – eine Zier?
Von Dinesh Bauer | vom 12.09.2008
Just in time. Wir leben in dynamischen, mobilen Zeiten. Unser Alltag ist von Hektik und Hetze geprägt. Überall wird gedrängt und gedrängelt – am liebsten mit der Lichthupe auf der Überholspur. Kaum jemand scheint noch Zeit zu haben oder sich solche gar zu nehmen. Und trotzdem beschleicht uns gelegentlich das sonderbare Gefühl, dass wir nicht von der Stelle kommen, in einem Wartezimmer festsitzen oder uns in einer Warteschlange im Kreis bewegen. Die Hälfte der Zeit wird gewartet: auf die Bahn, den Bus, das Taxi zum Hotel, den Anruf des Chefs oder der Freundin. Und wenn man aus purer Ungeduld die Initiative ergreift, heißt es mit schöner Regelmäßigkeit: „Bitte haben Sie noch etwas Geduld!“ Zeit verrinnt, stockt, zerfließt zäh wie dickflüssige Hafergrütze. So entsteht das ungute Gefühl ständig Zeit zu „verlieren“ und auf harte Geduldsproben gestellt zu werden.

Aphorismen, Bonmots und Dikta zum „Wert der Geduld“ finden sich in Hülle und Fülle. Dichter und Denker haben zu allen Zeiten dem guten Geist der Geduld gehuldigt: „Geduld ist die Schwester der Hoffnung und die Mutter der Gelassenheit.“ „Toleranz ist eine Frage der Geduld, Geduld eine Frage der Nerven.“ „Geduld ist der Schlüssel zur Freude.“ „Geduld haben“, „geduldig warten können“, sich in „sein Schicksal zu fügen“ sind im christlichen Verständnis Primärtugenden. Eigenschaften, die dem Menschen dabei helfen, Schicksalsschläge leichter zu ertragen, erfahrenes Leid zu bewältigen und den Weg zu einer tieferen, spirituellen Einsicht zu bahnen, ja Gott selbst näher zu bringen. Der Prediger Salomo mahnt die Menschen: “Ein Geduldiger ist besser als ein Hochmütiger.” Und im Römerbrief des Paulus schwärmt der Apostel: „Wir rühmen uns auch der Bedrängnisse, weil wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung.” In einem Lied Paul Gerhardts heißt es etwas frömmelnd: „Geduld ist euch vonnöten, wenn Sorge, Gram und Leid und was euch mehr will töten, euch in das Herze schneidt.“ Gerhardt charakterisiert die Geduld als Gabe Gottes. „Geduld“ kommt von dulden. Ein Heiliger ist demnach im christlichen Verständnis, jemand der um des Glaubens Willen etwas „erduldet“.

Auch in China, Japan oder Indien steht das abwarten, sich gedulden und bescheiden können hoch im Kurs. Von den fernöstlichen Philosophen, von Konfuzius und Konsorten wird das hohe Lied, das Lob der Geduld gesungen: „Geduld ist besser als Weisheit.“ „Ein Gramm Geduld gilt so viel wie ein Pfund Verstand.“ Und erst jüngst hat der Dalai Lama in der Tibet-Frage erklärt: „Geduld ist nicht Kapitulation!“ Aber auch in den kapitalistischen „Niederungen“ gilt die Regel: Geduld ist Geld wert! Je länger der Anlagezeitraum desto höher die Rendite. Sprich: Wer die Geduld verliert, verliert leicht auch den Kopf. Warum ist es eine Stärke, abwarten zu können? Liegt es daran, dass der Geduldige loslassen kann? Weil es Zeit braucht das Saatkorn reifen zu lassen? Hat also alles seine Zeit: eine Zeit des Säens, des Wachsens und des Erntens? Oder anders, prosaischer gesagt: Eile, mit Weile? Was meinen Sie? Welchen Wert hat es, „sich in Geduld zu üben“? Schreiben Sie uns!

Zitiert:
„Die beste Empfehlung der Geduld liegt darin, dass sie in Gott selbst ihren Ursprung hat.“ (Cyprian von Karthago)

„Die Liebe hat zwei Töchter: die Sanftmut und die Geduld.“ (italienisches Sprichwort)

„Ich glaube, dass die Ungeduld, mit der man seinem Ziele zueilt, die Klippe ist, an der oft gerade die besten Menschen scheitern.“ (Friedrich Hölderlin)

„Der Afrikaner hat die Zeit erfunden, der Europäer die Uhr.“ (afrikanisches Sprichwort)

„Halte am Vorhaben fest! Denn es beugt sich dem Pflug mit der Zeit selbst der störrige Jungstier, und dem geschmeidigen Zaum folgt mit der Zeit auch das Ross.” (Ovid)

„Wisse, dass die Geduld die Tugend ist, die dich am meisten zur Vollkommenheit erhebt. Ich meine nicht die Geduld mit den anderen, sondern die Geduld mit dir selbst. Denn wer in der reinen Liebe zu Gott aufgehen will, der bedarf nicht so sehr der Geduld mit anderen, als der Geduld mit sich selbst.“ (Franz von Sales)

„Ausdauer ist konzentrierte Geduld.“ (Thomas Carlyle)






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