Begegnungen auf Augenhöhe
Von Prof. Dr. med Dietrich H. W. Grönemeyer | vom 05.09.2008

Am besten von Herz zu Herz, von Seele zu Seele

Es ist noch gar nicht so lange her, da hat man sich unbefangen und freundlich begrüßt, auch wenn man sich in einem großen Gebäude über den Weg lief. Ich beobachte in der letzten Zeit immer häufiger, was ich früher nur aus Großstädten kannte: Die Leute schauen weg, gucken auf den Boden, schließen sich voneinander ab. Die Scheu vor der emotionalen Berührung ist augenscheinlich. Man gibt sich auch kaum mehr die Hand. Die stärker werdende Distanz im Alltag hat sicher auch mit einem gesellschaftlichen Klima zu tun, das von wirtschaftlicher Angst und von fehlenden Perspektiven geprägt ist. Ich freue mich auf jeden Menschen, den ich sehe. Das war schon immer so.

Gleichwertige Persönlichkeiten


Eine gute Beziehung zwischen Menschen sieht den anderen als gleichwertiges Lebewesen und akzeptiert ihn als gleichwertige Persönlichkeit. Dabei ist zunächst entscheidend, sich die Selbstbestimmtheit des anderen bewusst zu machen. Und noch etwas ist wichtig: Es gilt, den anderen in seiner Ausprägung, seiner Haltung, seinen Werten zu respektieren und auf Augenhöhe mit dem anderen zu kommunizieren – als Arzt besonders –, mit dem Kind genauso wie mit dem alten Menschen. Mit einem Kind muss man vielleicht einfacher oder anders reden. Und auch Behinderten oder einem Patienten mit Altersvergesslichkeit bzw. einer Alzheimer-Erkrankung gegenüber kann man die „richtige Sprache“ finden. Es gilt dabei für mich das Herz-Seele-Prinzip: dass man, wann immer möglich, von Herz zu Herz, von Seele zu Seele mit dem anderen eine Verbindung eingeht. Und das ist bei jedem anders. Jeder Mensch schwingt anders, die Lebensgeschichte, das individuelle Wissen, Vorstellungen und Gefühlswelt sind so vielfältig, wie die Menschen zahlreich sind. Deshalb mag eben der eine die eine und die andere den anderen lieber. Das ist auch beim Arzt oder Patienten nicht anders.

Ein Lächeln bringt Bewegung


Wärme, Zuwendung, Mitgefühl – das sind Werte, die man im Alltag leben kann. Auch in schwierigen Situationen kann es helfen, einfach zu lächeln: Schon das Lächeln, mit dem man auf den anderen gewinnend zugeht, befreit von der Fixierung aufs eigene Ich und kann bedrohliche Situationen lockern oder vermeiden. Ein Lächeln bringt Bewegung in eine verfahrene Situation und baut dem anderen eine Brücke, auf der auch er sich bewegen kann. Zuwendung meint natürlich nicht Freundlichkeit um jeden Preis. Wir brauchen beides, Mut und Sensibilität, also ein Gespür dafür, wo Konflikte schwelen, und die Fähigkeit herauszufinden, wenn irgendetwas Störendes vorhanden ist. Zu einem guten Miteinander gehört auch konstruktives Streiten-Können. Auseinandersetzungen sind wichtig, aber aggressionsbeladener Streit ist destruktiv. Man sollte sich mit Leidenschaft, aber nicht mit verletzenden Gefühlen begegnen. Wer verletzt ist, wird unsachlich – und das Problem bleibt ungelöst. Konfliktfähigkeit bedeutet die Bereitschaft, Konflikte nichtn zu verdrängen, sondern auszuhalten, sie zu überwinden und zu einer höheren gemeinsamen Erkenntnis zu gelangen. Aber auch darum geht es immer wieder: Sich zwar gegen Ungerechtigkeit und Unsolidarität zur Wehr zu setzen, aber die Wahrheit des anderen gelten lassen. Wir haben alle eine unterschiedliche Wahrnehmung, eine unterschiedliche Geschichte, eine unterschiedliche Sprache und eine unterschiedliche Definition von Wörtern und Sätzen und Zusammenhängen. Unser Erleben ist so vielfältig, wie es Menschen gibt, und es gibt ebenso viele Möglichkeiten von Missverständnissen. Deswegen ist für mich die Gefühlsebene auch so wichtig. Sprache ist begrenzt. Sie kann nicht die gesamte Emotion und unsere Empfindungen, unsere Abstraktionen vermitteln. Und das macht die Kommunikation oft so schwierig.


Weg vom Entweder-oder


„Gewöhnlich erlebt der Mensch am anderen Menschen nur die chinesische Mauer seines Ichs“, hat der österreichische Philosoph Ferdinand Ebner einmal gesagt. Mit Herz und Seele Werte im Alltag leben, das heißt: wegkommen von dieser Mauer, von dem Entweder- oder, das immer nur das eine oder das andere sieht. Wir sollten wieder lernen, mit den Augen und dem Herzen zu sehen. Und uns darin üben, das Sowohl-als-auch zu leben. Es geht darum, gleichermaßen und gleichzeitig sowohl den Einzelnen als auch die Gemeinschaft wahrzunehmen, das In-sich-selbst-Sein genauso wie auch das Bei-den-anderen-Sein zu leben. Wir sollten uns im Zuhören-Können üben und gleichzeitig auch lernen zu geben.



Buch zum Thema:
Dietrich Grönemeyer
LEBE mit Herz und Seele
ISBN: 9783451297502
Seiten:
Verlag: Herder
Preis: 9,95
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Es ist noch gar nicht so lange her, da hat man sich unbefangen und freundlich begrüßt, auch wenn man sich in einem großen Gebäude über den Weg lief. Ich beobachte in der letzten Zeit immer häufiger, was ich früher nur aus Großstädten kannte: Die Leute schauen weg, gucken auf den Boden, schließen sich voneinander ab. Die Scheu vor der emotionalen Berührung ist augenscheinlich. Man gibt sich auch kaum mehr die Hand. Die stärker werdende Distanz im Alltag hat sicher auch mit einem gesellschaftlichen Klima zu tun, das von wirtschaftlicher Angst und von fehlenden Perspektiven geprägt ist. Ich freue mich auf jeden Menschen, den ich sehe. Das war schon immer so. Gleichwertige Persönlichkeiten Eine gute Beziehung zwischen Menschen sieht den anderen als gleichwertiges Lebewesen und akzeptiert ihn als gleichwertige Persönlichkeit. Dabei ist zunächst entscheidend, sich die Selbstbestimmtheit des anderen bewusst zu machen. Und noch etwas ist wichtig: Es gilt, den anderen in seiner Ausprägung, seiner Haltung, seinen Werten zu respektieren und auf Augenhöhe mit dem anderen zu kommunizieren – als Arzt besonders –, mit dem Kind genauso wie mit dem alten Menschen. Mit einem Kind muss man vielleicht einfacher oder anders reden. Und auch Behinderten oder einem Patienten mit Altersvergesslichkeit bzw. einer Alzheimer-Erkrankung gegenüber kann man die „richtige Sprache“ finden. Es gilt dabei für mich das Herz-Seele-Prinzip: dass man, wann immer möglich, von Herz zu Herz, von Seele zu Seele mit dem anderen eine Verbindung eingeht. Und das ist bei jedem anders. Jeder Mensch schwingt anders, die Lebensgeschichte, das individuelle Wissen, Vorstellungen und Gefühlswelt sind so vielfältig, wie die Menschen zahlreich sind. Deshalb mag eben der eine die eine und die andere den anderen lieber. Das ist auch beim Arzt oder Patienten nicht anders. Ein Lächeln bringt Bewegung Wärme, Zuwendung, Mitgefühl – das sind Werte, die man im Alltag leben kann. Auch in schwierigen Situationen kann es helfen, einfach zu lächeln: Schon das Lächeln, mit dem man auf den anderen gewinnend zugeht, befreit von der Fixierung aufs eigene Ich und kann bedrohliche Situationen lockern oder vermeiden. Ein Lächeln bringt Bewegung in eine verfahrene Situation und baut dem anderen eine Brücke, auf der auch er sich bewegen kann. Zuwendung meint natürlich nicht Freundlichkeit um jeden Preis. Wir brauchen beides, Mut und Sensibilität, also ein Gespür dafür, wo Konflikte schwelen, und die Fähigkeit herauszufinden, wenn irgendetwas Störendes vorhanden ist. Zu einem guten Miteinander gehört auch konstruktives Streiten-Können. Auseinandersetzungen sind wichtig, aber aggressionsbeladener Streit ist destruktiv. Man sollte sich mit Leidenschaft, aber nicht mit verletzenden Gefühlen begegnen. Wer verletzt ist, wird unsachlich – und das Problem bleibt ungelöst. Konfliktfähigkeit bedeutet die Bereitschaft, Konflikte nicht zu verdrängen, sondern auszuhalten, sie zu überwinden und zu einer höheren gemeinsamen Erkenntnis zu gelangen. Aber auch darum geht es immer wieder: Sich zwar gegen Ungerechtigkeit und Unsolidarität zur Wehr zu setzen, aber die Wahrheit des anderen gelten lassen. Wir haben alle eine unterschiedliche Wahrnehmung, eine unterschiedliche Geschichte, eine unterschiedliche Sprache und eine unterschiedliche Definition von Wörtern und Sätzen und Zusammenhängen. Unser Erleben ist so vielfältig, wie es Menschen gibt, und es gibt ebenso viele Möglichkeiten von Missverständnissen. Deswegen ist für mich die Gefühlsebene auch so wichtig. Sprache ist begrenzt. Sie kann nicht die gesamte Emotion und unsere Empfindungen, unsere Abstraktionen vermitteln. Und das macht die Kommunikation oft so schwierig. Weg vom Entweder-oder „Gewöhnlich erlebt der Mensch am anderen Menschen nur die chinesische Mauer seines Ichs“, hat der österreichische Philosoph Ferdinand Ebner einmal gesagt. Mit Herz und Seele Werte im Alltag leben, das heißt: wegkommen von dieser Mauer, von dem Entweder- oder, das immer nur das eine oder das andere sieht. Wir sollten wieder lernen, mit den Augen und dem Herzen zu sehen. Und uns darin üben, das Sowohl-als-auch zu leben. Es geht darum, gleichermaßen und gleichzeitig sowohl den Einzelnen als auch die Gemeinschaft wahrzunehmen, das In-sich-selbst-Sein genauso wie auch das Bei-den-anderen-Sein zu leben. Wir sollten uns im Zuhören-Können üben und gleichzeitig auch lernen zu geben.
Luc Ferry
Leben lernen
ISBN: 9783888974687
Seiten:
Verlag: Antje Kunstmann
Preis: 19,90
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Was ist der Kern der Philosophie? Welche Mittel haben wir, die Welt zu verstehen? Wie können wir die Furcht vor dem Tod, vor Schmerz und Vergänglichkeit überwinden und ein freies und besseres Leben führen? VON ARISTOTELES BIS KANT Leben lernen: Eine philosophische Gebrauchsanweisung gibt auf diese komplexen Fragen ebenso einfache wie anspruchsvolle Antworten. Dem französischen Philosophen Luc Ferry geht es dabei nicht um einen Bildungskanon der Namen, Jahreszahlen und Theorien. Er konzentriert sich vielmehr auf Lebensfragen und Antworten, die die großen Philosophen über die Jahrhunderte darauf gefunden haben - von Aristoteles über Epiktet bis Kant. Ferry zeigt, wie sehr unsere Sinnfragen, unsere Überzeugungen und Werte vom Denken früherer Generationen geprägt sind und was sie uns bei der Suche nach einem neuen, zeitgemäßen Humanismus bis heute zu sagen haben.
Uwe Böschenmeyer
Sag Ja und lebe!
ISBN: 9783831902897
Seiten:
Verlag: Ellert & Richter Verlag
Preis: 12,90
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„Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht“, sagte Václav Havel. – Mit wunderschönen Zitaten, vor allem aber eigenen Meditationen inspiriert Uwe Böschemeyer, neue Perspektiven zu entdecken. Trotz aller persönlichen und globalen Probleme, dem Leben mit Zuversicht und Mut zu begegnen, ist ihm wichtig. Sag Ja und lebe! enthält belebende Gedankenanstöße für jeden Tag des Jahres.

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