Alle unter einem Dach
Von Dr. Ursula von der Leyen | vom 05.09.2008

Die Familienministerin plädiert für Mehrgenerationenhäuser als Drehscheibe für Dienstleistungen

Der demographische Wandel schüttelt Deutschland mächtig durch. Das spüren wir auch in unseren Städten und Gemeinden. Immer öfter lesen wir, dass Schulen und Kindergärten geschlossen werden. Andererseits wächst der Bedarf nach altengerechten Wohnformen.

Aber auch in unseren Familien ist der demographischen Wandel angekommen. Die traditionelle Großfamilie, wie wir sie vielleicht noch aus den Erzählungen unserer Großeltern kennen, ist aus unserer Gesellschaft fast vollständig verschwunden. Das kann man beklagen, es ist aber Tatsache. Damit gehen auch alltägliche Netzwerke, Alltagskompetenzen und Erziehungswissen, die im Gespräch innerhalb der Familie weitergegeben wurden, verloren. Und diese Verluste spüren wir: Warum brauchen wir eine Super- Nanny?

Weitergabe von Erfahrungen

Sind junge Menschen instinktloser und unfähiger als früher? Nein! Sie können aber auf einige der früheren Leistungen von Familie nicht mehr ohne weiteres zugreifen – die tägliche Weitergabe von Erfahrungen, von Erziehungswissen, von Empathie und Toleranz im Alltag. Und die Älteren vermissen die Berührungspunkte mit der jüngeren Generation ebenfalls. Nicht wenige fühlen sich einsam und vor allem deshalb alt, weil ihnen der belebende Kontakt zu jüngeren Menschen fehlt.

Langes Leben als Chance

Wenn wir uns heute fragen, wie wir in Zukunft leben wollen, brauchen wir Ideen wie wir das Zusammenleben der Generationen im Großen wie im Kleinen, in der Nachbarschaft wie in der Familie gestalten wollen. Ich spreche bewusst von „Gestalten“; denn anders als viele annehmen, ist die Bevölkerungsentwicklung kein Schicksal, dem wir hilflos ausgeliefert sind. Anstatt die vermeintliche „Überalterung“ der Gesellschaft zu beklagen, sollten wir die Potenziale und Chancen einer Gesellschaft des längeren Lebens in den Mittelpunkt stellen. Denn noch nie in der Geschichte gab es so viele ältere Menschen, die so viel zu geben hatten wie heute. Noch nie waren Ältere so gesund, so gebildet und hatten so viel Zeit.
Ein sehr konkreter Weg, der auch in dem Buch „Füreinander da sein, miteinander handeln. Warum die Generationen sich gegenseitig brauchen“ beschrieben wird, ist das Aktionsprogramm „Mehrgenerationenhäuser“. Bis zum Ende des Jahres werden 500 Mehrgenerationenhäuser in Deutschland entstehen – mindestens eines in jedem Kreis und in jeder kreisfreien Stadt. Mehrgenerationenhäuser sind offene Treffpunkte, in denen alle Generationen den Tag miteinander verbringen, gemeinsam essen, spielen, lernen und sich gegenseitig helfen. Jeder kann dabei seine Stärken, seine Fähigkeiten und Kenntnisse einbringen. Und erhält im Gegenzug dafür etwas, was nicht immer mit Geld zu bezahlen ist: Zeit zum Zuhören zum Beispiel, die Möglichkeit, an einem gemeinsamen Mittagstisch mit vielen anderen teilzunehmen, das Erlernen neuer Fertigkeiten. Mehrgenerationenhäuser wollen die Vorteile und Leistungen von familiären Netzwerken bewahren, stärken und in eine moderne Form übertragen. Nicht immer mit verwandtschaftlichen Bindungen, aber immer alle Generationen einbeziehend.

Miteinander von Alt und Jung

Gleichzeitig ist es Ziel des Aktionsprogramms, Mehrgenerationenhäuser als Drehscheiben für Dienstleistungen zu etablieren, die Menschen verschiedenen Alters wirklich brauchen: Angefangen vom Wäscheservice über Computerkurse für Internetbanking oder Leih-Omas bis hin zum Mittagstisch für Schulkinder und Krabbelgruppen. Doch sind die Mehrgenerationenhäuser nur ein Teil einer neuen generationenübergreifenden Politik in Deutschland. Auch in den generationenübergreifenden Freiwilligendiensten wird das Miteinander von Alt und Jung neu belebt. Unter dem Vorzeichen „Alter schafft Neues“ erprobt das Bundesfamilienministerium mit vielen Städten und Gemeinden neue Formen der Mitgestaltung und Selbstorganisation älterer Menschen.

Neue Orte fürs Zusammenleben

Mehrgenerationenhäuser und andere Ansätze für generationenübergreifende Politik schaffen neue Orte für das zukünftige Zusammenleben in unserer Gesellschaft im demographischen Wandel. Die Politik kann dieses Zusammenleben der Generationen weder stiften noch den Wert der Solidarität anordnen. Er entsteht im und durch das Miteinanderleben der Menschen. Politik kann aber Räume schaffen, in denen Begegnung, Austausch und Hilfe zwischen den Generationen Platz finden.






Buch zum Thema:
Ursula von der Leyen
Füreinander da sein
ISBN: 9783451058745
Seiten:
Verlag: Herder
Preis: 9,90
in den Warenkorb

Der demographische Wandel schüttelt Deutschland mächtig durch. Das spüren wir auch in unseren Städten und Gemeinden. Immer öfter lesen wir, dass Schulen und Kindergärten geschlossen werden. Andererseits wächst der Bedarf nach altengerechten Wohnformen. Aber auch in unseren Familien ist der demographischen Wandel angekommen. Die traditionelle Großfamilie, wie wir sie vielleicht noch aus den Erzählungen unserer Großeltern kennen, ist aus unserer Gesellschaft fast vollständig verschwunden. Das kann man beklagen, es ist aber Tatsache. Damit gehen auch alltägliche Netzwerke, Alltagskompetenzen und Erziehungswissen, die im Gespräch innerhalb der Familie weitergegeben wurden, verloren. Und diese Verluste spüren wir: Warum brauchen wir eine Super- Nanny? Weitergabe von Erfahrungen Sind junge Menschen instinktloser und unfähiger als früher? Nein! Sie können aber auf einige der früheren Leistungen von Familie nicht mehr ohne weiteres zugreifen – die tägliche Weitergabe von Erfahrungen, von Erziehungswissen, von Empathie und Toleranz im Alltag. Und die Älteren vermissen die Berührungspunkte mit der jüngeren Generation ebenfalls. Nicht wenige fühlen sich einsam und vor allem deshalb alt, weil ihnen der belebende Kontakt zu jüngeren Menschen fehlt. Langes Leben als Chance Wenn wir uns heute fragen, wie wir in Zukunft leben wollen, brauchen wir Ideen wie wir das Zusammenleben der Generationen im Großen wie im Kleinen, in der Nachbarschaft wie in der Familie gestalten wollen. Ich spreche bewusst von „Gestalten“; denn anders als viele annehmen, ist die Bevölkerungsentwicklung kein Schicksal, dem wir hilflos ausgeliefert sind. Anstatt die vermeintliche „Überalterung“ der Gesellschaft zu beklagen, sollten wir die Potenziale und Chancen einer Gesellschaft des längeren Lebens in den Mittelpunkt stellen. Denn noch nie in der Geschichte gab es so viele ältere Menschen, die so viel zu geben hatten wie heute. Noch nie waren Ältere so gesund, so gebildet und hatten so viel Zeit. Ein sehr konkreter Weg, der auch in dem Buch „Füreinander da sein, miteinander handeln. Warum die Generationen sich gegenseitig brauchen“ beschrieben wird, ist das Aktionsprogramm „Mehrgenerationenhäuser“. Bis zum Ende des Jahres werden 500 Mehrgenerationenhäuser in Deutschland entstehen – mindestens eines in jedem Kreis und in jeder kreisfreien Stadt. Mehrgenerationenhäuser sind offene Treffpunkte, in denen alle Generationen den Tag miteinander verbringen, gemeinsam essen, spielen, lernen und sich gegenseitig helfen. Jeder kann dabei seine Stärken, seine Fähigkeiten und Kenntnisse einbringen. Und erhält im Gegenzug dafür etwas, was nicht immer mit Geld zu bezahlen ist: Zeit zum Zuhören zum Beispiel, die Möglichkeit, an einem gemeinsamen Mittagstisch mit vielen anderen teilzunehmen, das Erlernen neuer Fertigkeiten. Mehrgenerationenhäuser wollen die Vorteile und Leistungen von familiären Netzwerken bewahren, stärken und in eine moderne Form übertragen. Nicht immer mit verwandtschaftlichen Bindungen, aber immer alle Generationen einbeziehend. Miteinander von Alt und Jung Gleichzeitig ist es Ziel des Aktionsprogramms, Mehrgenerationenhäuser als Drehscheiben für Dienstleistungen zu etablieren, die Menschen verschiedenen Alters wirklich brauchen: Angefangen vom Wäscheservice über Computerkurse für Internetbanking oder Leih-Omas bis hin zum Mittagstisch für Schulkinder und Krabbelgruppen. Doch sind die Mehrgenerationenhäuser nur ein Teil einer neuen generationenübergreifenden Politik in Deutschland. Auch in den generationenübergreifenden Freiwilligendiensten wird das Miteinander von Alt und Jung neu belebt. Unter dem Vorzeichen „Alter schafft Neues“ erprobt das Bundesfamilienministerium mit vielen Städten und Gemeinden neue Formen der Mitgestaltung und Selbstorganisation älterer Menschen. Neue Orte fürs Zusammenleben Mehrgenerationenhäuser und andere Ansätze für generationenübergreifende Politik schaffen neue Orte für das zukünftige Zusammenleben in unserer Gesellschaft im demographischen Wandel. Die Politik kann dieses Zusammenleben der Generationen weder stiften noch den Wert der Solidarität anordnen. Er entsteht im und durch das Miteinanderleben der Menschen. Politik kann aber Räume schaffen, in denen Begegnung, Austausch und Hilfe zwischen den Generationen Platz finden.

© by CyberBase