Bildung muss begeistern
Von Gesine Schwan | vom 05.09.2008

Auch jenseits von PISA gibt es noch viel zu tun!


Vom Kindergarten bis zur Hochschule gehören die Institutionen des Bildungswesens zu jenen Instanzen, die in einer Gesellschaft Vertrauen stiften können und es in einem stärkeren Maße auch müssen, je mehr nämlich die Familien unter Druck geraten. Druck, weil die (moralischen) Standards der Erziehung fragwürdig und in manchen Kreisen beliebig geworden sind; Druck, weil mit dem Argument der Globalisierung Flexibilität bis hinein in die Familien erzwungen wird; Druck, weil eine neue Partnerschaftlichkeit von Männern und Frauen sich erst langsam Bahn bricht. Wenn in dieser Situation auch das Bildungswesen einen tief greifenden Vertrauensverlust erleidet, wie wir es in Deutschland im Gefolge der PISA-Debatte beobachten mussten, dann ist das besonders problematisch.
In den sechziger Jahren des vergangenen
Jahrhunderts war die große Bildungsreform so etwas wie ein diesseitiges, innerweltliches Versprechen. Allen, die sich anstrengten, sollte es besser gehen. Jeder, der eine Begabung vorzuweisen hatte, sollte gefördert werden. Um dieses Versprechen zu geben, musste der Staat scheinbar nicht viel mehr tun, als zusätzliche Schulen und Universitäten zu bauen. Doch offenbar ist das Versprechen nicht eingelöst worden. Heute verbindet jedenfalls kaum ein junger Mensch mit seinen Bildungsmöglichkeiten Begeisterung oder Dankbarkeit. Und für eine bestimmte Gruppe, die von zu Hause keine bildungsbürgerlichen oder zumindest leistungsorientierten Voraussetzungen mitbringt, hat die Schule auch tatsächlich fast nichts mehr anzubieten.
Über Missstände muss man in aller Offenheit reden, dabei freilich nicht die vielen, vielen Versuche vergessen, die landauf, landab unternommen werden, um auch den vermeintlich Perspektivlosen eine Chance zu geben. Es gibt da neue Ansätze, die erhebliche Erfolge verzeichnen mit jungen Menschen, die schon praktisch aufgegeben waren, denen man einen Abschluss nicht mehr zutraute. Es fehlt also nicht an guten Ideen, aber an dem entschiedenen Willen, sie auch dann umzusetzen, wenn sie von gewohnten Schemata der Finanzierung abgehen.
Bei alldem ist es mir wichtig, die Schwierigkeiten unseres Bildungssystems nicht einfach auf die Lehrerinnen und Lehrer abzuwälzen. Man kann nicht zuerst Erzieherinnen und Lehrern alles Mögliche absprechen – die richtige (Aus-)Bildung, das nötige Engagement, die Bereitschaft, es mit moderner Methodik zu versuchen –, um dann von den so Geschmähten die Lösung der Probleme zu erwarten, die sie doch angeblich selbst verursachen.
Zu wenig, so scheint mir, wurde bei der PISA-Debatte bedacht, welchen Einfluss die jeweilige politische Kultur auf das Erziehungssystem ausübt. Ich glaube, dass die Skandinavier deshalb überall – nicht nur in der Erziehung – so viel besser fahren, weil sie einen tiefen Sinn für die gleiche Würde aller Menschen und ein damit zusammenhängendes Verständnis für den Wert ihrer jeweiligen Individualität entwickelt haben, der eben
auch in der Schule ein gelungenes Zusammenspiel des berühmten „Forderns und Förderns“ zustande bringt. Jahrelang gemeinsam zu lernen und doch die Möglichkeit zur Entfaltung individueller Begabungen zu bekommen – und zwar durch Ermutigung statt Demütigung – das, so scheint mir, ist der Schlüssel zu einer wirklich gelungenen Bildung, nicht nur für Eliten, sondern für alle.




Buch zum Thema:
Gesine Schwan
Allein ist nicht genug
ISBN: 9783451294778
Seiten:
Verlag: Herder
Preis: 19,90
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Das Leben besteht nicht nur aus Privatinteressen, sondern, wie Gesine Schwan deutlich zeigt, auch aus dem Miteinander, für das es sich zu kämpfen lohnt.

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