Weltmacht Gerechtigkeit
Von Dr. phil. Norbert Blüm | vom 05.09.2008
In einer kapitalistisch geprägten Weltordnung dürfen Grundwerte nicht zu kurz kommen, sonst droht der Kollaps
Wie wird die Welt, wie wird die Wirtschaft, wie die politische Ordnung von morgen aussehen? Die Antwort hängt auch von uns ab, von den Umständen, unter denen wir handeln und von den Werten, nach denen wir uns richten. Kapitalismus und Sozialismus haben uns bewiesen, dass der Materialismus die Welt nicht auch nur einen Schritt vorwärtsbringt. Fortschritt, der diesen Namen verdient, ist kein Geldwert und sein Maß ist nicht das Sozialprodukt. Das westliche Zivilisationsprojekt, das allein von Superlativen getrieben wird, erreicht die Menschenherzen nicht und ist keine Vorlage für „den Rest der Welt“.
Die alte Mutter Erde
Als Modell der Globalisierung scheitert es bereits daran, dass „die alte Mutter Erde“ es gar nicht aushält, wenn ihr nun die ganze Welt zumuten soll, was der Westen ihr zugemutet hat. Wenn auch nur China so viel Benzin verbrennt, wie die westlichen Auto-Länder pro Kopf verbrauchen, geht uns bald die Luft aus. Vielleicht sind die Kultur- und Religionskonflikte, die die Welt heute erschüttern, nur die fehlgeleiteten Vorboten eines Versuchs, neu nach Werten zu fragen und die Entwicklung der Welt von Ideen leiten zu lassen und nicht den Produktivkräften zu unterwerfen, in denen Kapitalismus wie Sozialismus die treibenden Kräfte der Geschichte sahen.
Werte sind stärker als Waffen
Die großen Eruptionen der jüngsten Geschichte wurden von Ideen ausgelöst und nicht von purer Macht erzwungen. Die Supermacht des Sozialismus scheiterte an den Ideen einer Handvoll Frauen und Männer von der Lenin-Werft in Danzig. Solidarnosc hatte eine andere Vorstellung von Freiheit und Gerechtigkeit als die Kommunisten. Und ihre Werte waren stärker als Waffen. Oder die deutsche Einheit – sie wäre nie unter rein wirtschaftlichen Aspekten zustande gekommen. Eine solche Fusion wäre wahrscheinlich wegen zu hoher Risiken auf dem Finanzmarkt gescheitert. Der Finanzmarkt oder das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit? Kulturen bestimmen vermutlich sogar die Wirtschaftsentwicklung stärker, als die Ökonomen wissen. Die Gesamtheit von Werten, Glaubensüberzeugungen, Ideen bestimmt die Entwicklung. Oder reden wir vom Wert der Arbeit für den Menschen. Der Mensch und seine Arbeit sind wichtiger als Kapital und Besitz. Die Arbeit steht dem Sein des Menschen näher als das Haben von Kapital. Nicht anders ist es mit dem Wissen. Die Wirtschaftsgesellschaft braucht nicht nur Wissen. Sie braucht auch, was ich die Umwandlung von Wissen in Bildung nenne. Die Informatik wird uns nie die Unterscheidung von wichtigem und unwichtigem Wissen abnehmen. Dafür bedarf es der Bildung, die uns befähigt zu werten: nämlich zu unterscheiden zwischen dem, was wir wollen sollen und dem, was wir nicht wollen dürfen. Der Abstand zwischen Können und Dürfen war in der Geschichte der Menschheit noch nie so groß wie in unserer Zeit. Wir können jedenfalls mehr, als wir dürfen. Wir können sogar uns selbst, die Menschheit, abschaffen. Bildung wird also die Zukunft mehr bestimmen als Kapital und Aktiengesellschaften. Auch dann, wenn die Produktion in der Lage ist, alle elementaren Bedürfnisse zu befriedigen, wovon wir träumen, wird die Arbeit der Menschheit nicht ausgehen. Denn der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Arbeit, in welcher sich die Menschen begegnen, wird höher geschätzt werden, als Arbeit, die totes Material bearbeitet. Arbeit, die dem Menschen dient, ist die höchste Selbstentfaltung des Menschen. Arbeit ist nicht nur Produktion und Arbeit ist nicht erst Arbeit, wenn dafür Geld gezahlt wird. Der ans Sozialprodukt geknüpfte Leistungsbegriff ist verkürzt.
Arbeit ist Selbstentfaltung
Wenn zwei Mütter die jeweiligen Kinder ihrer jeweiligen Nachbarn gegen Entgelt erziehen, dann „arbeiten“ sie. Die Erziehung der eigenen Kinder aber wäre keine Arbeit im sozialrechtlichen Sinne. Deshalb zählt sie nicht als Wertschöpfung. Auch unser Sozialsystem hat einen zu engen Begriff für Arbeit. Arbeit ist mehr als Geldverdienen und Broterwerb. Arbeit ist Selbstentfaltung in der Teilhabe an einer Gemeinschaft, die füreinander da ist. Werte wie Gerechtigkeit und Solidarität sind eine Tugend und ein soziales Prinzip. Es geht um das Glück von Menschen. Sie suchen nach einem gelungenen Leben in einer guten Gesellschaft. Diese Suche wird nie enden, solange Menschen leben. Schöner als „Morgenstern“ und „Abendstern“ nannte Aristoteles die Gerechtigkeit. Wenn die Nacht zurückweicht, erscheint der Morgenstern und der Abendstern kündigt den Feierabend an. Anfang und Ende aller Anstrengungen werden von der Gerechtigkeit geleitet, so wie der Morgen- und der Abendstern die Nacht begrenzt und erleuchtet. Ich vertraue auf die Weltmacht der Gerechtigkeit. Sie wird stärker.
Norbert Blüm
Gerechtigkeit
ISBN: 9783451057892
Seiten:
Verlag: Herder
Preis: 7,00
Wie wird die Welt, wie wird die Wirtschaft, wie die politische Ordnung von morgen aussehen? Die Antwort hängt auch von uns ab, von den Umständen, unter denen wir handeln und von den Werten, nach denen wir uns richten. Kapitalismus und Sozialismus haben uns bewiesen, dass der Materialismus die Welt nicht auch nur einen Schritt vorwärtsbringt. Fortschritt, der diesen Namen verdient, ist kein Geldwert und sein Maß ist nicht das Sozialprodukt. Das westliche Zivilisationsprojekt, das allein von Superlativen getrieben wird, erreicht die Menschenherzen nicht und ist keine Vorlage für „den Rest der Welt“. Die alte Mutter Erde Als Modell der Globalisierung scheitert es bereits daran, dass „die alte Mutter Erde“ es gar nicht aushält, wenn ihr nun die ganze Welt zumuten soll, was der Westen ihr zugemutet hat. Wenn auch nur China so viel Benzin verbrennt, wie die westlichen Auto-Länder pro Kopf verbrauchen, geht uns bald die Luft aus. Vielleicht sind die Kultur- und Religionskonflikte, die die Welt heute erschüttern, nur die fehlgeleiteten Vorboten eines Versuchs, neu nach Werten zu fragen und die Entwicklung der Welt von Ideen leiten zu lassen und nicht den Produktivkräften zu unterwerfen, in denen Kapitalismus wie Sozialismus die treibenden Kräfte der Geschichte sahen. Werte sind stärker als Waffen Die großen Eruptionen der jüngsten Geschichte wurden von Ideen ausgelöst und nicht von purer Macht erzwungen. Die Supermacht des Sozialismus scheiterte an den Ideen einer Handvoll Frauen und Männer von der Lenin-Werft in Danzig. Solidarnosc hatte eine andere Vorstellung von Freiheit und Gerechtigkeit als die Kommunisten. Und ihre Werte waren stärker als Waffen. Oder die deutsche Einheit – sie wäre nie unter rein wirtschaftlichen Aspekten zustande gekommen. Eine solche Fusion wäre wahrscheinlich wegen zu hoher Risiken auf dem Finanzmarkt gescheitert. Der Finanzmarkt oder das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit? Kulturen bestimmen vermutlich sogar die Wirtschaftsentwicklung stärker, als die Ökonomen wissen. Die Gesamtheit von Werten, Glaubensüberzeugungen, Ideen bestimmt die Entwicklung. Oder reden wir vom Wert der Arbeit für den Menschen. Der Mensch und seine Arbeit sind wichtiger als Kapital und Besitz. Die Arbeit steht dem Sein des Menschen näher als das Haben von Kapital. Nicht anders ist es mit dem Wissen. Die Wirtschaftsgesellschaft braucht nicht nur Wissen. Sie braucht auch, was ich die Umwandlung von Wissen in Bildung nenne. Die Informatik wird uns nie die Unterscheidung von wichtigem und unwichtigem Wissen abnehmen. Dafür bedarf es der Bildung, die uns befähigt zu werten: nämlich zu unterscheiden zwischen dem, was wir wollen sollen und dem, was wir nicht wollen dürfen. Der Abstand zwischen Können und Dürfen war in der Geschichte der Menschheit noch nie so groß wie in unserer Zeit. Wir können jedenfalls mehr, als wir dürfen. Wir können sogar uns selbst, die Menschheit, abschaffen. Bildung wird also die Zukunft mehr bestimmen als Kapital und Aktiengesellschaften. Auch dann, wenn die Produktion in der Lage ist, alle elementaren Bedürfnisse zu befriedigen, wovon wir träumen, wird die Arbeit der Menschheit nicht ausgehen. Denn der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Arbeit, in welcher sich die Menschen begegnen, wird höher geschätzt werden, als Arbeit, die totes Material bearbeitet. Arbeit, die dem Menschen dient, ist die höchste Selbstentfaltung des Menschen. Arbeit ist nicht nur Produktion und Arbeit ist nicht erst Arbeit, wenn dafür Geld gezahlt wird. Der ans Sozialprodukt geknüpfte Leistungsbegriff ist verkürzt. Arbeit ist Selbstentfaltung Wenn zwei Mütter die jeweiligen Kinder ihrer jeweiligen Nachbarn gegen Entgelt erziehen, dann „arbeiten“ sie. Die Erziehung der eigenen Kinder aber wäre keine Arbeit im sozialrechtlichen Sinne. Deshalb zählt sie nicht als Wertschöpfung. Auch unser Sozialsystem hat einen zu engen Begriff für Arbeit. Arbeit ist mehr als Geldverdienen und Broterwerb. Arbeit ist Selbstentfaltung in der Teilhabe an einer Gemeinschaft, die füreinander da ist. Werte wie Gerechtigkeit und Solidarität sind eine Tugend und ein soziales Prinzip. Es geht um das Glück von Menschen. Sie suchen nach einem gelungenen Leben in einer guten Gesellschaft. Diese Suche wird nie enden, solange Menschen leben. Schöner als „Morgenstern“ und „Abendstern“ nannte Aristoteles die Gerechtigkeit. Wenn die Nacht zurückweicht, erscheint der Morgenstern und der Abendstern kündigt den Feierabend an. Anfang und Ende aller Anstrengungen werden von der Gerechtigkeit geleitet, so wie der Morgen- und der Abendstern die Nacht begrenzt und erleuchtet. Ich vertraue auf die Weltmacht der Gerechtigkeit. Sie wird stärker.