Coolster Kerl Deutschlands
Helmut Schmidt ist und bleibt politische Leitfigur

Helmut Schmidt ist Kult. In einer forsa-Umfrage wurde er kürzlich zum „coolsten Kerl“ Deutschlands gekürt – von den Männern noch vor Til Schweiger, von Frauen vor Hape Kerkeling. Sogar Zwanzigjährige wissen mit dem Namen Helmut Schmidt etwas anzufangen – keine Selbstverständlichkeit bei dem Schwinden politischer Bildung im Land. „Cool“ finden sie zum Beispiel, dass sich Helmut Schmidt nirgends das Rauchen verbieten lässt, auch nicht in einem Theater in Hamburg, was ihm eine Anzeige einer Nichtraucherinitiative wegen Körperverletzung eingebracht hat.
Aber eigentlich ist Helmut Schmidt eine Persönlichkeit der Zeitgeschichte. Vor 26 Ja hren
verlor er sein bedeutsamstes Amt, das des Bundeskanzlers. Seit 22 Jahren gehört er nicht mehr dem Parlament an. Unter Helmut Schmidt wurden die deutschen Babyboomer groß, die Kinder aus einer Zeit, als das Kinderkriegen noch geboomt hat. Wer heute zwischen Anfang Vierzig und Anfang Fünfzig ist, erlebte die zweite Phase der sozial-liberalen Koalition, die unter Schmidts Führung stand, bewusst mit.
Zugleich ist Helmut Schmidt eine wichtige politische Stimme der Gegenwart. Sein Wort findet Gehör. Kein deutscher Politiker der Nachkriegszeit hat so viele Bücher verkauft, keiner beschert den Gesprächssendungen von Sandra Maischberger, Reinhold Beckmann und Johannes B. Kerner so hohe Quoten.
Was steckt hinter der Popularität des fast Neunzigjährigen, der in seiner politisch aktiven Zeit mit Etiketten wie „Macher“ und „Schmidt-Schnauze“ leben musste? Helmut Schmidt empfängt Respekt für die Geradheit seiner moralischen und politischen Überzeugungen seit vielen Jahrzehnten und die Geradheit seiner Biographie. Helmut Schmidt blieb den moralischen Grundsätzen, die er an sich und andere Politiker stellte, treu – so sehr, dass er darüber politisch stürzte. Weil Schmidt von der Richtigkeit des NATO-Doppelbeschlusses überzeugt war, opferte er dafür nichts weniger als seine Regierung. Nach seinem politischen Abtritt kämpfte Helmut Schmidt weiter mit offenem Visier. Auslandseinsätze der Bundeswehr? Deutsche Soldaten haben in Afghanistan oder anderswo nichts zu suchen. Russlands Putin als Gefahr für den Weltfrieden? Noch nie war „Moskau“ so demokratisch wie heute. Ein Olympia-Boykott wegen der Unterdrückung
des tibetischen Volkes? Solche Protestaktionen bringen nichts. Helmut Schmidt, der
seit vielen Jahren China als dritte Weltmacht voraussagt, nimmt sogar das kommu nis tische Regime für das Massaker auf dem „Platz des Himmlischen Friedens“ in Schutz. Die Machthaber wurden von Studenten provoziert und mussten handeln.
Hier spricht und schreibt einer, der sich nur noch seinen Überzeugungen, keiner Parteilinie mehr verpflichtet weiß. „Es ist immer das eigene Urteil, auf das es an kommt“, so Helmut Schmidt in seiner kürzlichen Dankesrede zur Verleihung des „Bild“-Oscars. Schmidts Amtsvorgänger Willy Brandt ging für eine historische Tat, die Neue Ostpolitik, in die Geschichte ein, von Helmut Schmidt hieß es lange, er habe seine Sache in schwierigen Zeiten, als der RAF-Terrorismus die Republik heimsuchte, ordentlich gemacht. Im Alter tritt der Moralist Helmut Schmidt deutlicher denn je und dabei beispielgebend hervor. Er gilt den Deutschen als Bundeskanzlerpräsident.
Dr. Martin Rupps
Dr. Martin Rupps, Politikwissenschaftler und Historiker, ist Leiter der ARD Koordination 3Sat beim Südwestrundfunk Von ihm erschienen u.a. „Troika wider Willen. Wie Weh ner, Brandt und Schmidt die Republik regierten“ (Berlin 2004). Sein Buch „Wir Babyboomer“ (Herder 2008) stürmte kurz nach Erscheinen die Bestsellerlisten. Bei Herder Spektrum ist im August die erste Taschenbuchbiographie von Helmut Schmidt erschienen, die die geistig-philosophischen Grundlagen dieses Politikers ins Zentrum stellt.
Buch zum Thema:
Martin Rupp
Helmut Schmidt
ISBN: 9783451060205
Seiten:
Verlag: Herder Verlag
Preis: 12,95
Mit diesem Buch legt Martin Rupps die weithin beachtete Biografie eines der auch heute noch beliebtesten Politiker der deutschen Nachkriegsgeschichte vor.