„Die Vielschichtigkeit der Probleme und ihre monströsen Ausmaße machen offenbar ohnmächtig oder feige oder beides.“

Seien Sie einmal ganz ehrlich: Verzichten Sie gelegentlich auf etwas Wichtiges, weil ihnen ein moralischer Aspekt noch wichtiger ist? Regen Sie sich manchmal über etwas Grundlegendes auf – eine Ungerechtigkeit zum Beispiel? Haben Sie in letzter Zeit mal geschwiegen oder sich davongestohlen, als Sie eigentlich Stellung beziehen hätten sollen? Mit Axel Hacke und Giovanni di Lorenzo haben sich zwei renommierte Journalisten solche und einige andere zentrale, mitunter unangenehme Fragen gestellt.

Sympathisch ehrlich


Beide gelten in unserem Land als Vordenker und kritische Beobachter. Das Ergebnis ihrer Reflexionen heißt Wofür stehst Du? und ist eines der interessantesten Bücher zur Wertediskussion. Dies aus mehreren Gründen: Seine Autoren sind Meister des geschriebenen Worts. Der eine, di Lorenzo, prägt als Chefredakteur der ZEIT die gesellschaftliche, politische und kulturelle Landschaft unseres Landes entscheidend mit. Der andere ist ein brillanter Rezensent menschlichen Zusammenlebens. Seine Kolumne im Magazin der Süddeutschen Zeitung ist Kult. Wofür stehst Du? besticht durch seine sympathische Ehrlichkeit. „Von uns kommt erst einmal das Eingeständnis einer Schwäche“, erläutern sie im Vorwort. Beim Schreiben des Buchs sei es unvermeidlich gewesen, viel preiszugeben, „mehr als uns lieb war. Anders aber scheint uns ein Buch wie dieses nicht
 
Giovanni di Lorenzo

1959 in Stockholm geboren, arbeitete di Lorenzo nach seinem Studium zunächst als Reporter bei der Süddeutschen Zeitung. Seit 1989 moderiert er die Fernsehtalkshow 3 nach 9 von Radio Bremen. 1999 wurde er Chefredakteur des Tagesspiegel. 2004 wechselte er als Chefredakteur zur Wochenzeitung DIE ZEIT.

Axel Hacke

geboren 1956 in Braunschweig, war 1981–2000 Reporter der Süddeutschen Zeitung, für deren Magazin er bis heute die beliebte Kolumne Das Beste aus aller Welt schreibt. Hacke veröffentlichte viele erfolgreiche Bücher, u.a. Der kleine Erziehungsberater, und wurde mehrfach ausgezeichnet.


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Fremdheit, Tod, Klimawandel

Auch die Form des Buchs ist ungewöhnlich: Weil es Hackes und di Lorenzos erklärtes Ziel war, keinen abstrakten Tugendkatalog zu erstellen, haben ganz unterschiedliche Textgenres Eingang in das Werk gefunden. Mal formuliert jeder für sich Gedanken, mal liefern sich die zwei einen unterhaltsamen Schlagabtausch; mal tritt uns ein Thema in essayistischer Anmutung, mal als Reportage, mal fast poetisch entgegen. Bei all dem lassen Hacke und di Lorenzo kein wichtiges Thema aus – Politik, Klimawandel, Gerechtigkeit, Migration, Fremdheit, Angst und Depression, Krankheit, ja sogar der Tod werden hinterfragt. Alles zusammen ergänzt sich zu einem höchst lesenswerten Plädoyer wider die Gleichgültigkeit und zu einer unaufdringlichen Ermunterung dazu, häufiger Position zu beziehen. Gerade weil wir in unserem Wohlstands-Alltag so wenig riskieren, dürfe man, so die Autoren, von uns etwas erwarten: „Dass wir uns jeden Tag erinnern, wofür wir stehen möchten.“ Dieses Buch kann eine Hilfe dabei sein.

Ramon Dörfler Mediengestaltung
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