| Luitgard Thomas-Hollunder über ein beispielhaftes Werteprojekt, das ein Gymnasium zur Keimzelle eines neuen Wertebewusstseins macht |
Frau Thomas-Hollunder, Sie haben das Projekt Wert(e)volles Oberhaching initiiert. Weshalb war dies nötig?
Aus verschiedenen Gründen: Zum einen leidet das Kollegium unseres Gymnasiums unter einer hohen Fluktuation der Lehrkräfte, von denen jeder andere Vorstellungen davon hat, was Werte sind. Zum anderen kommen unsere Schüler Innen häufi g aus Familien, in denen die Eltern wenig Zeit für ihre Kinder haben und auch selbst nach sehr unterschiedlichen Wertvorstellungen leben. Wir alle würden uns leichter tun, wenn wir eine gemeinsame Werte-Basis hätten, auf deren Grundlage wir unsere Kinder erziehen.
Könnten Sie ein Beispiel für solche Unterschiede nennen?
Da könnte ich viele nennen: Ein Schüler stellt während des Unterrichts fest, dass er sein Sportzeug vergessen hat. Und was macht er? Er schreibt eine SMS an seine Mutter, diese kommt ohne anzuklopfen und Kaugummi kauend in den Unterricht, sagt nichts Erklärendes, gibt ihrem Sohn das Sportzeug und haut die Tür hinter sich zu.
So etwas passiert häufiger?
Ja leider. Es gibt auch Schüler, die sich weigern, in ein nicht standesgemäßes Fahrzeug einer Mitfahrgemeinschaft nach dem Schwimmunterricht zu steigen. Deshalb war für Schulleiter Dr. Pippig und mich die Werteoffensive Bayern ein willkommenes Angebot, hier aktiv zu werden.
Ihr Werteprojekt ist nun ein ganz besonderes …
Ich glaube schon, denn wir wollen alle, die mit Erziehung am Ort zu tun haben, ins Boot holen. Es bringt ja nichts, wenn wir in der Schule Werte vermitteln, und nachmittags im Sportverein ist alles anders.
Und jetzt zieht der ganze Ort an einem Strang?
So sieht es aus. Wir haben einen Lenkungskreis gegründet, der zunächst aus zehn Vertretern der Kindergärten, Schulen und Jugendgruppen besteht. Geplant ist, dass auch Sportvereine, Feuerwehr, Rettungsdienst, Kirchen und die Volkshochschule mitmachen. Dass wir bereits so viele sind, verdanken wir der Tatsache, dass unser Bürgermeister voll hinter der Aktion steht.
Sie wollen auch die Schulen vernetzen.
Ja, wir wollen vor allem die Übergänge zwischen Kindergärten und Schulen mit besonderen Projekten begleiten und die Eltern zu gemeinsamer Werteerziehung gewinnen. Ältere Schüler werden für jüngere Programme entwerfen und sich so selbst mit Wertethemen befassen.
Was haben Sie bislang bewirkt?
Wir haben eine stabile Basis für ein wert(e)volles Oberhaching gelegt und uns in einem sensiblen Prozess auf neun „Oberhachinger Werte“ geeinigt. Wie schwierig es ist, sich über Werte zu verständigen, konnte man schon daran sehen, dass sogar wir, die wir uns über die Zielrichtung einig sind, diskutieren mussten, bis wir ein Ergebnis hatten.
Werteerziehung ist anstrengend.
Ja, wenn Sie schauen, was uns in den Medien vorgelebt wird, ist es kein Wunder, dass bereits Kinder magersüchtig sind, zum Alkohol greifen und oft gemobbt werden. Da muss ein Kind ganz schön stark sein, um dennoch seine edlen Werte zu vertreten. Und auf diesem Weg wollen wir die Kinder und ihre Eltern begleiten. |
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