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Bundesinnenminister Dr. Wolfgang Schäuble über die Krise und die Gier und sein neues Buch Zukunft mit Maß, in dem er so manchem traditionellen Wert eine entscheidende Bedeutung zuweist


Herr Minister, in Zukunft mit Maß erläutern Sie, was wir aus der aktuellen Wirtschaftskrise lernen können. Welches ist für Sie die wichtigste Erkenntnis?

Maßlosigkeit droht alles zu zerstören, selbst das Gute. Deswegen braucht Freiheit immer auch Regeln, um nicht ins Maßlose abzugleiten. Die Krise macht deutlich, dass die soziale Marktwirtschaft auf einen staatlichen Ordnungsrahmen angewiesen ist und dass wir den bestehenden Ordnungsrahmen weiterentwickeln müssen.
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In Ihrem Buch schreiben Sie von der Gier des Menschen, die ein Grund für die Krise ist. Steckt diese Gier in jedem von uns?

Gier ist die Übersteigerung von Egoismus. Kein Mensch ist ganz frei davon. Es gibt auch gute Gründe, den Eigennutz zur Grundlage einer Wirtschaftsordnung zu machen. Aber wir brauchen einen staatlichen Rahmen, der Übertreibungen verhindert. Ebenso wichtig sind Werte. Freiheit muss mit der Bereitschaft einhergehen, aus eigener Überzeugung Normen und Begrenzungen zu akzeptieren.

Bezieht sich diese Einsicht auch auf Bonuszahlungen für gescheiterte Manager?


Ja, das bisherige System hat die falschen Anreize gesetzt. Es hat dazu geführt, dass vollkommen irrationale Geschäfte getätigt wurden mit kurzfristig hohen Gewinnaussichten unter Missachtung langfristiger Risiken. Gleichwohl sind Boni sinnvoll. Sie müssen aber langfristigen Erfolg belohnen.

Boni für Manager, die versagten, auf der einen Seite, Massenentlassungen auf der anderen. Was können Sie Menschen erwidern, die angesichts der jüngsten Entwicklungen an der Gerechtigkeit unserer Gesellschaft zweifeln?


Massenentlassungen sind die Ausnahme geblieben. Dazu hat das tatkräftige Handeln der Bundesregierung und die besonnene Reaktion der meisten Unternehmen maßgeblich beigetragen. Es ist eine fortwährende Aufgabe der Politik, einer ungerechten Verteilung von Wohlstand entgegenzuwirken und gute Bedingungen zu schaffen, damit jeder Chancen auf Aufstieg und Wohlstand hat. Und es wäre nun in der Tat ungerecht, wenn die Steuerzahler für alle Kosten notwendiger Rettungsmaßnahmen auf kommen müssten. Die Haftung desjenigen, der Risiken eingeht und scheitert, muss erhalten bleiben. Dazu müssen die Kosten und die Gewinne der Aufarbeitung von Risiken rückgebunden sein an das Kapital der vom Staat unterstützten Unternehmen.

Viele leben derzeit in Sorge um ihre Existenz. Verspürten Sie persönlich auch schon einmal wirtschaftliche Existenzängste?

Wirtschaftliche Existenzängste kenne ich weniger, aber ich kann sagen, was mir in anderen schwierigen Situationen geholfen hat. Das sind Familie und Freunde, auch das Vertrauen in Gott. Und man darf nicht auf hören, auf die eigene Kraft zu vertrauen. Das gibt Gelassenheit.

Sie sehen im Engagement eine Chance für eine stabile, sichere Zukunft. Als Politiker haben Sie praktisch Ihr ganzes Leben dem Engagement für die Gesellschaft gewidmet. Was ist für Sie das Beglückende am Einsatz für andere?

In der Politik kann man nach der besten Lösung für ein Problem suchen. Ich möchte etwas tun, was über das reine Geldverdienen hinausgeht und Menschen hilft. Darum geht es in der Politik: das Zusammenleben von Menschen in einer freien und gerechten Gesellschaft verantwortungsvoll zu gestalten.


Dr. Wolfgang Schäuble

Geboren 1942 in Freiburg im Breisgau, ist der promovierte Jurist Wolfgang Schäuble seit 1972 Mitglied des Deutschen Bundestages. Er war Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes, bevor er von 1989 bis 1991 Bundesminister des Innern wurde. 2005 wurde er erneut zum Bundesminister des Innern ernannt.


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